Montag, 7. Dezember 2009

Ja, 70 Tage bin ich nun schon in Malawi und damit nur 20 Tage entfernt von der Gesamtzeit der vierten Big Brother Staffel Afrika, die gestern zu Ende ging. Big Brother ist hier ein Riesenevent gewesen und beinahe jeder, der einen Fernseher und Strom hat, hat es geguckt. Anders als in Deutschland bestand das Haus aus Repraesentanten aus ganz Afrika und im gestrigen Finale war auch ein Maedchen aus Malawi vertreten, die aber insgesamt nur den vierten Platz belegt hat. In den letzten Wochen waren die Zeitungskolummnen voll mit Meinungen ueber die Teilnehmerin aus Malawi. Kirchen und andere religioese Vertreter wetterten immer wieder, dass sich so keine malawische Frau benimmt und auch nicht Malawi so repraesentieren darf, weil es nicht christlich sei, denn die junge Frau trank und hatte Liebesaffaeren. Die Gegenseite wetterte zurueck, dass die religioesen Vertreter doch die Show nicht gucken muessten und ueberhaupt, wie benimmt sich eine typische Malawierin eigentlich. Ich habe nur kurz mal reingeschaut in die Sendung und fand sie genauso schrecklich wie in Deutschland...
Obwohl letzte Woche ziemlich langweilig war, was den Bueroalltag betrifft, war es doch wieder eine spannende Woche. Im Buero hatte ich mal wieder ueberhaupt nichts zu tun, weil der Laptop, den ich benutzte leider kaputt ist (NEIN, es ist nicht meine Schuld), und ich musste mir wiederalleine eine Beschaeftigung suchen. Aber ich wurde sooft zum Essen eingeladen wie nie zuvor. Der DoP hat mich zum Lunch zu sich nach Hause eingeladen, der ED in ein feines Restaurant und dann hatten wir auch noch hohen Besuch von Transparency International. Sicherlich wisst ihr ja alle, dass deren Hauptsitz in Moabit ist, also war die Vertreterin aus Berlin. Sie war besuchte Malawi, weil TI hier ein Chapter aufbauen moechte und MEJN soll die Fuehrung uebernehmen. Sie war sehr ueberrascht hier einen deutschen Praktikanten anzutreffen und lud mich direkt zum Dinner ein. Dort quatschten wir ueber Malawi, Afrika und die Welt. Sie fragte mich auch ein wenig ueber MEJN aus und ich brachte ine paar kritische Bermerkungen an. Ich merkte auch, wie viel ich gelernt habe in meiner Zeit hier. Anscheind hat es auf sie maechtigen Eindruck gemacht, den sie hat mir ihre Karte gegeben und mir mehrmals gesagt, dass ich mich doch melden soll, wenn ich wieder in Deutschland bin, da auch TI Praktikumsplaetze anbieten...So baut man Beziehungen auf. “Nicht, dass ich versucht habe, mich unter die Haube zu bringen, ich wuerde [MEJN] nicht sitzen lassen, solange sie noch faehig [sind]. Bloss ich musste schliesslich auch mal an die Zukunft denken, die einem frueher oder spaeter immer auf den Kopf faellt”. Bei diesem Dinner war auch noch eine ehemalige Mitarbeiterin der malawischen Botschaft in Berlin anwesend. Meine Guete, wenn alle Botschaftsmitarbeiter so sein muessen, wie diese Frau, dann ueberlege ich es mir noch einmal mit dem Berufswunsch. Sie war wie eine Society Lady aus einem schlechten Film, hat die gesamte Zeit gelaechelt und fand alles “Great”, “Nice” und “Excellent”. Abe rich war faehig sie in einigen politischen Anekdoten ueber Malawi zu berichtigen und hatte sogar Recht damit...jaja, alter Protzer, ich weiss...
Was gibt es ansonsten so neues in Malawi. Das Parlament hat ein Police Bill erlassen, was Polizisten erlaubt jeden beliebigen Menschen und jedes beliebige Objekt (Auto, Haus, Taschen) ohne Angaben von Gruenden zu durchsuchen. Malawi auf dem Weg zu einem bankrotten Polizeistaat? In den letzten 2 Wochen sind 8 Menschen in Polizeigewahrsam gestorben. Die Erklaerungen waren so laecherlich wie: ausm fahrenden Fahrzeug gesprungen, oder versehentlich Erschossen...
Obwohl seit einer Woche (laut Regierungsangaben) wieder alles normal laufen soll an den Tankstellen, ist dies natuerlich nicht der Fall. Schlaue Oekonomen haben schon ausgerechnet, dass Malawi im letzten Monat 111Milliarden MK (530Millionen Euro) durch die Treibstoffkrise verloren hat und in jedem weiteren Monat, in dem die Krise andauert, weitere 80Milliarden MK verlieren wird. Ich wollte am Freitag ein Foto machen von einer Menschenmenge an einer Tankstelle, die gerade eine Lieferung bekommen hat, und bin durch einen hilfreichen Passanten gerade noch davor gewarnt worden. Am Vortag hat dasselbe wohl eine weisse Frau versucht und konnte sich nur mit Muehe und quitschenden Reifen vor einem wuetenden Mob in Sicherheit bringen, wobei ihr Auto aber zu schaden kam. Die Leute denken, dass die Mzungus (weissen) mit den Bildern Profit aus ihrer Situation schlagen wollen, deshalb kommt es schnell mal zu einem Mob. Also habe ich es unterlassen. Ausserdem: “Man muss das mit seinen eigenen Augen gesehen haben, um daran zu glauben, weil die Augen der anderen, das ist nicht dasselbe.

Mein Aufenthalt hier geht jetzt also in die letzte Runde. Natuerlich freu ich mich einerseits auch wieder auf ein luxurioeses Leben mit anstaendiger Musik (ich hab ja angefangen Radio zu hoeren und muss gestehen, dass ich ein Lied von Sean Kingston gut finde...aber dieses Jay-Z/Alicia Keys Lied geht mir ja mal voll aufn Kranz...Gluecklicherweise habe ich eine neue Radioshow etdeckt mit etwas clubtauglischen Dancehall und Soca "Carnival is gonna be a good time.), aber es wird mir sicherlich schwerfallen mich in Deutschland wieder einzugewoehnen. Es sind schon zwei verschiedene Welten. Meine Gastmama hat mir am Wochenende schon gesagt, dass es auch fuer sie schwer sein wird, wenn ich weg bin und dass das Haus dann leerer sein wird und dass sie mich mit Traenen verabschieden werden. “Was ich eigentlich immer komisch gefunden habe, ist, dass die Traenen im Programm vorgesehen waren. Das heisst, dass man dafuer vorgesehen worden ist zu weinen. Darauf muss man erst einmal kommen. Kein Konstrukteur, der auf sich haelt, haette das getan."

Gestern war ja bekanntlich Nikolaus. Ich habe meine Schuhe geputzte wie verrueckt, doch irgendwie waren sie leer. Wahrscheinlich kommt der Nikolaus nicht nach Afrika. Das hier Weihnachtszeit ist merkt man auch nur dadurch, dass einzelne Laeden (Shoprite) Weihnachtsdeko haben und in der Zeitung jeden Tag steht, wie viele Tage es noch bis Weihnachten sind. Ach und im Radio lief schon einmal "Last Christmas", sehr merkwuerdig dieses ach-so-tolle Weihnachtslied auch hier zu hoeren. Ich hab ja schon verzweifelt ueberlegt, was ich meiner Gastfamilie zu Weihnachten schenken koennte. Ich hab ja schon erwaehnt, dass sie zutiefst religioes sind und ich habe mich dann einmal mit ihrer Religion (sie sind siebenter tag Adventisten) beschaeftigt und herausgefunden, dass sie Weihnachten zwar anerkennen aber nicht feiern, denn sie meinen, dass Jesus auch an jedem anderen Tag geboren sein koennte. Da faellt mir nur zu ein: "Ich habe versucht mir zu sagen, dass ich gar nicht an diesem Tag geboren war, sowenig wie an einem anderen, und dass diese Geschichten mit dem Geburtsdatum auf jeden Fall nur Kllektivkonventionen sind.".

Und zu guter letzt noch ein besonderer Service, fuer alle die sich noch nichts zu Weihnachten gewuenscht haben und deren Eltern verzweifwelt nach einer Idee fuer ein Geschenk suchen. (Ich habe ja mein Geschenk schon bekommen, ein Heizungsventil. Danke dafuer liebste Mama. Alle die die Ventilgeschichte kennen werden wohl sagen, richtig so, fuer den Rest: naja man muss ja nicht alles verraten.). Wie ihr vielleicht gemerkt habt, habe ich in diesem Eintrag ein paar Zitate eingebaut. Sie stammen alle aus einem der schoensten Buecher, welches wohl jemals geschrieben worden ist. "Du hast das Leben noch vor dir" von Emile Ajar. Ein Buch aus den 70ern ueber einen arabischen Jungen, der bei einer alten Juedin in einem Pariser Ghetto-Vorort (Banlieu(?)) aufwaechst, in einer Art Pension fuer Kinder von Prostituierten. Ein wirklich schoenes, lustiges und auch trauriges Buch, das man gelesen haben muss, den es hat alles, was ein Buch haben muss: Anfang, Ende und viel authentischen Text mittendrin, denn es ist aus der Sicht des Jungen geschrieben. Um euch die Augen etwas waessrig zu machen, hier der erste Satz des Buches:

"Ich kann ihnen gleich schon als erstes sagen, dass wir zu Fuss im sechsten Stock gewohnt haben und dass das fuer Madame Rosa bei all den Kilos, die sie mit sich rumschleppte und nur zwei Beinen ein richtiger Grund fuer ein Alltagsleben war, mit allen Sorgen und Muehen."

na gut, ich will mal nicht so sein. Den zweiten Satz gibts auch noch:

"Daran hat sie uns immer erinnert, wenn sie sich nicht gerade andersweitig beklagte, denn sie war auch noch Juedin."

In diesem Sinne, Tionana und immer daran denken:
"Die Fanumft fafolcht ma, aba ick bin schnella."
(Diesmal nicht aus dem Buch, sondern eine alte Berliner Lebensweisheit.)

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